Vermögensverwaltung – swisspartners – The art of finance

«Angst schneidet tiefer als Schwerter»

― George R.R. Martin, A Game of Thrones

 Per Zufall im Jurassic Park

Man kann noch so viele Hochglanzbroschüren mit schönen Bildern über die Lehren lesen, die renommierte Experten aus vergangenen Krisen gezogen haben. Das aber ändert nichts an der unschönen Wahrheit des Coronavirus, von dem bislang niemand sagen kann, welche Folgen es haben wird.

Machen wir uns nichts vor: Vermutlich befinden wir uns gegenwärtig am kritischsten Punkt für Risikoanlagen und die Weltwirtschaft seit der Eurokrise 2011 bzw. der globalen Finanzkrise 2008.

Emotionen haben uns fest im Griff, genauer der Kampf- oder Fluchtimpuls, der sich kaum kontrollieren, geschweige denn vorhersagen lässt. Die Zufälligkeit des Coronavirus spielt mit unseren schlimmsten Ängsten, ähnlich den Gruselszenen eines Horrorfilms. Das ansteckende Virus kommt auf leisen Sohlen daher, und bislang wissen wir erst nach Tagen, wer Träger des Virus ist und wer nicht.

Natürlich können wir Berichte über Wahrscheinlichkeiten lesen, wonach man wohl eher beim Lesen dieses Artikels an einem Herzinfarkt stirbt als sich mit dem SARS-Cov-2-Virus anzustecken und daran zu sterben. Das aber trägt nicht wirklich dazu bei, sich besser zu fühlen, was ich voll und ganz nachempfinden kann.

Statt sich mit Grafiken zur 1918 grassierenden Spanischen Grippe zu beschäftigen, sollten wir uns lieber dem täglichen Leben zuwenden. Schon jetzt bekommt die Wirtschaft in Europa die Auswirkungen zu spüren, die früher oder später auch die USA heimsuchen werden. Für mich bedeutet das konkret, dass mein Lieblings-Chinese zugemacht hat, der Verkehr nach Zürich aus dem Umland sich vervierfacht hat und ich im Apple-Store nur einer von zwei Kunden war, für die 15 Verkäufer bereitstanden. Warum nur, so frage ich mich, warten am Eingang des Luxusuhrengeschäfts gleich drei Verkäufer sehnsüchtig auf Kunden? Zudem machen Geschichten über den Diebstahl von Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken in Krankenhäusern die Runde – und das in der Schweiz!

Keine Frage: Wir erleben gerade eine Vollbremsung des Wirtschaftswachstums und müssen mit einem Angebots- und einem Nachfrageschock gleichzeitig zurechtkommen. Das hat von uns noch keiner erlebt.

Eine gewisse Irrationalität entbehrt auch die Reaktion der Wirtschaft nicht, denn viele grosse Firmen sagen Veranstaltungen ab und stellen ihre Geschäftsreisen ein. Zudem hat sich meine Befürchtung noch nicht zerstreut, dass die von den Regierungen verschriebene Medizin alles nur schlimmer macht. Mit ihr streuen sie noch mehr Sand ins Getriebe der Weltwirtschaft, die damit nach der Krise nur unter grossen Mühen wieder ins Laufen kommt.

Für meine ziemlich pessimistische Einschätzung leiste ich Abbitte, aber Vorsicht war noch immer besser als Nachsicht.

Kurzzeitiger Schmerz zahlt sich langfristig aus

An meiner Überzeugung, dass wir uns in einem langen Bullenmarkt befinden, hat sich nichts geändert. Gegenwärtig mag ich mit dieser Einschätzung zwar etwas verrückt klingen, was aber nicht das erste und sicher auch nicht das letzte Mal ist. Ich bin fest überzeugt, dass wir aus dieser Krise gestärkt hervorgehen werden.

Es steht einfach zu viel auf dem Spiel, und wir sollten nicht unterschätzen, über welches Arsenal im Kampf gegen diese kurzzeitige Krise wir verfügen, wenn die Welt zusammenhält. Die jüngste Zinssenkung der amerikanischen Notenbank um 0,5% mag zwar so aussehen, als wollten die Währungshüter mit Messern an einer Schiesserei teilnehmen. Aber das dürfte es aus meiner Sicht noch nicht gewesen sein. Sicher werden auch andere Zentralbanken nach und nach ihre Zinszügel lockern. Zurzeit sind die Zinssenkungen wohl eher eine Art Placebo. Aber wenn die Nachfrage wieder anspringt, und das wird sie tun, dann mit Macht, unterstützt auch von fiskalischen Anreizen rund um den Globus.

Fast so, als würde man Öl ins Feuer giessen. Natürlich wird das zu einem späteren Zeitpunkt andere Probleme mit sich bringen. Die aber liegen noch in weiter Ferne.

Zu Recht wurde China für seinen Versuch kritisiert, den Ausbruch des Coronavirus zu vertuschen. Pekings jüngste Massnahmen, die dem Rest der Welt drakonisch und undenkbar erscheinen mögen, haben uns jedoch die nötige Zeit zur Vorbereitung verschafft. Der aus reinem Egoismus entstandene, in der Welt um sich greifende Isolationismus hat mich enttäuscht und ich dachte, dass wir eine externe Krise bräuchten, damit wieder alle an einem Strang ziehen.

Inzwischen gibt es erste Hoffnungsschimmer, denn in China geht die Zahl der Neuinfizierten und der Todesfälle zurück. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass sich Asien zuerst erholen wird, gefolgt von Europa und anschliessend den USA.

Und mittlerweile kann wohl davon ausgegangen werden, dass der Handelskrieg vorerst ad acta gelegt wurde, was auch für Pekings Kampf gegen Schattenbanken gilt. Mittelfristig ist das von weit grösserer Bedeutung als die kurzfristigen Auswirkungen des Coronavirus.

Möglicherweise ist zudem ein grosses Risiko mit Blick auf die US-Wahlen vom Tisch, denn so wie es gegenwärtig aussieht, wird Biden wohl gegen Trump antreten – beide aus Sicht der Märkte akzeptable Kandidaten.

Nach meiner Einschätzung befinden sich die Märkte in einem Prozess der Bodenbildung, der, ausgelöst durch Schlagzeilen zum Coronavirus, höhere Schwankungen mit sich bringen wird. Ich glaube aber, dass die schlimmsten Kursverluste bereits hinter uns liegen, auch wenn der S&P 500 Index noch auf 2.850-2.750 Punkte fallen könnte. Das wäre zweifellos eine schmerzliche Korrektur bzw. ein Crash, aber noch kein Bärenmarkt.

Mit dem hätten wir es zu tun, wenn mehr als 50% der Titel im S&P 500 Index Verluste von über 20% erleiden würden. Für diesen Fall würde ich einen Wechsel der Marktführerschaft erwarten. Eine der lohnendsten Wetten könnte dann die auf eine Erholung konjunkturabhängiger Sektoren in der zweiten Jahreshälfte sein.

An den wichtigsten Aktienmärkten rechne ich in diesem und im nächsten Jahr mit zweistelligen Kursgewinnen, begleitet jedoch von diversen Turbulenzen.

 

Peter Ahluwalia, Partner
Chief Investment Officer
peter.ahluwalia@swisspartners.com