Vermögensverwaltung – swisspartners – The art of finance

Das ganz grosse Bild

Ich habe versucht, ein paar Schritte zurückzutreten (genauer gesagt: ein paar Millionen) und zu untersuchen, ob es in der Vergangenheit eine Zivilisation gab, die keinen Handel betrieb. Das Ergebnis war eindeutig: Eine solche Zivilisation hat es nie gegeben. Von den Anfängen der Menschheit über die Steinzeit bis zur Neuzeit gehörten der Handel und der Austausch von Ideen zu den wohl wichtigsten Triebkräften für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Ob in antiken Reichen wie China oder Indien oder neueren Imperien wie dem britischen, spanischen oder portugiesischen Kolonialreich – stets war der Handel einer der wesentlichen Impulsgeber für Fortschritt und Wohlstand.

Natürlich beging die Menschheit auf diesem Weg auch Fehler, darunter der Smoot-Hawley Tariff Act, der hohe Zölle und Barrieren errichtete (bis er wieder aufgehoben werden musste) und allgemein als eine der Hauptursachen für die Verlängerung der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre gilt.[i]

Für die aktuellen Handelskonflikte gäbe es eine einfache Lösung: Die beteiligten Nationen müssten patriotischer agieren, und die Verbraucher dürften nur noch einheimische Güter kaufen. Das wäre jedoch völlig undemokratisch, hätte unangenehme Konsequenzen und würde die Zivilisation unglaublich weit zurückwerfen.

Die etwas weniger breite Perspektive

 

 

Quelle: Robert Shiller, FactSet; S&P 500 Index, logarithmische Skala, 1927 bis Juni 2019. Die Daten werden auf einer logarithmischen Skala dargestellt, um die langfristige Indexentwicklung am besten zu verdeutlichen. Die angegebene Performance gibt die Wertentwicklung in der Vergangenheit wieder und ist keine Garantie für künftige Ergebnisse.  

 

Wie wir in dieser Publikation schon oft betont haben, befinden wir uns seit über fünf Jahren in einer langjährigen – und nicht in einer zyklischen – Hausse. Ursprünglich gingen wir davon aus, dass diese neue langjährige Hausse (ein langfristiger Aufwärtstrend an den Märkten) im Jahr 2013 begonnen hatte. Es liesse sich aber auch argumentieren, dass die Hausse erst 2016 in Gang kam, da 2011 eine enorme Korrektur einsetzte, bei der die Kurse ausgehend von ihrem Höchststand um mehr als 20% fielen.[ii] Der genaue Zeitpunkt ist jedoch nicht entscheidend, da wir erwarten, dass der längerfristige Aufwärtstrend der Märkte während der nächsten drei bis vier US-Präsidentschaftszyklen anhält (also in einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren). Die Indizes könnten in diesem Zeitraum um 300% oder mehr zulegen. Natürlich wird die Aufwärtsbewegung nicht geradlinig verlaufen, und es wird negative Jahre geben (in einigen Jahren werden die Kursverluste im zweistelligen Bereich liegen, möglicherweise bei bis zu 20%). Zudem wird der Anstieg durch eine oder vielleicht zwei Rezessionen unterbrochen werden, doch diese Phasen bieten hervorragende Kaufgelegenheiten in einem viel längerfristigen Aufwärtstrend.

Zwischen März 2000 und Februar 2016 lag die Rendite des S&P 500 bei nur 1% pro Jahr, und nachdem der kumulierte Gesamtertrag in den beiden vorangegangenen Hausse-Phasen bei 525% (zwischen 1952 und dem Höhepunkt der langjährigen Hausse 1966) bzw. 992% lag (zwischen 1985 und dem Höhepunkt im Jahr 2000), erscheinen annualisierte (jedoch nichtlineare) Erträge im zweistelligen Bereich durchaus denkbar.[iii]

Wir sind uns bewusst, dass die seit 2009 erzielten Kurszuwächse an den Märkten bei vielen Anlegern Besorgnis auslösen. Doch wir weisen nochmals darauf hin, dass die Märkte zwischen 2000 und 2013 im Wesentlichen seitwärts tendierten.

Bei einem langfristigen Vergleich der gleitenden Markterträge über einen 20-Jahres-Zeitraum entspricht der aktuelle Ertrag den untersten 5% der seit 1927 beobachteten Niveaus.[iv]

Quelle: Ibbotson, Analysen von Empirical Research Partners, J.P. Morgan Asset Management, Bloomberg L.P., Stand: 30. Juni 2019; annualisierte 20-Jahres-Gesamterträge des S&P 500 zwischen 1947 und Juni 2019. Die angegebene Performance gibt die Wertentwicklung in der Vergangenheit wieder und ist keine Garantie für künftige Ergebnisse.

 

Anleger, die der Marktperformance seit 2009 skeptisch gegenüberstehen, haben somit einen deutlichen Kursaufschwung verpasst. Anlegerumfragen sind mit Vorsicht zu betrachten, denn die Mittelflüsse der Investmentfonds zeichnen ein weniger positives Bild: In den letzten 13 Jahren flossen mehr Anlegergelder in Anleihen als in Aktien – ein wichtiger Indikator für eine Gegenbewegung (siehe Grafik unten).

Quelle: Strategic Insight, Analysen von Empirical Research Partners; jährliche Differenz zwischen den Nettozuflüssen in US-Aktien und Anleihen von 1992 bis 2019, Daten per Mai 2019

 

Dasselbe Argument gilt für Anleger, die die Performance der Märkte im Jahr 2019 isoliert betrachten, denn bei einem Blick auf die 2-Jahres-Erträge erscheint die Entwicklung weniger rosig. Wie eine historische Betrachtung zeigt, verzeichneten Aktien nach einem Kalenderjahr mit Kurszuwächsen von 20% oder mehr in zwei Dritteln der Fälle auch in den darauffolgenden zwölf Monaten positive Erträge.[v]

Quelle: Bloomberg; S&P 500 Index, Kursgewinn am Aktienmarkt zwischen 2005 und 2019.

 

Ausblick

Im Jahr 2020 erwarten wir ein «Goldlöckchen-Szenario» mit einem weltweit synchronisierten Wachstum: Die Weltwirtschaft dürfte sich mit moderatem Tempo erholen – das Wachstum sollte jedoch ausreichen, um die Anleger zu ermutigen, die Unternehmensgewinne zu steigern und den Menschen generell das Gefühl zu geben, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Die Wirtschaft wird jedoch nicht so stark wachsen, dass die Zentralbanken in Panik verfallen und ihre Konjunkturmassnahmen drosseln, die den Wirtschaftskreislauf derzeit mit einer rekordhohen Liquidität versorgen.

Wir gehen davon aus, dass sich die Märkte viel besser entwickeln werden, als die meisten Marktteilnehmer erwarten. Denkbar sind dabei zweistellige Erträge (jedoch nicht ohne Volatilität). Die Hausse gleicht einem überdehnten Gummiband: Etwa alle drei Jahre, wenn die Bewertungen überzogen erscheinen, schnellen die Kurse wieder zurück (siehe Grafik unten).[vi]

Quelle: Bloomberg; S&P 500 Index, 3-Jahres-Minizyklen an den Märkten, Daten von 2008 bis 2019.

 

Die erste Phase eines Handelsabkommens zwischen den USA und China bildet für beide Länder einen psychologisch bedeutsamen Schritt, der das gegenseitige Vertrauen stärkt und nicht unterschätzt werden sollte. Wir sind überzeugt, dass das Abkommen in Kürze unter Dach und Fach ist.

Ein Phase-2-Abkommen im Jahr 2020 ist durchaus möglich und sogar wahrscheinlich, nachdem diese erste Hürde überwunden ist. Es würde uns nicht überraschen, wenn auch ein Handelsabkommen zwischen den USA und Europa abgeschlossen wird. Die allgemeine Skepsis der Marktteilnehmer gegenüber den Fortschritten bei den Handelsverhandlungen erscheint uns positiv, zeigt sie doch, dass nicht alle Faktoren in den Kursen enthalten sind, sodass noch Aufwärtspotenzial besteht.

Die starke Outperformance von US-Aktien gegenüber ihren ausländischen Pendants dürfte in diesem Umfeld abnehmen, da sie ein unhaltbares Niveau erreicht zu haben scheint. Das bedeutet jedoch nicht, dass am US-Markt eine Katastrophe bevorsteht, sondern nur, dass andere Märkte derzeit bessere Performancechancen bieten.

Angesichts der weltweiten Konjunkturerholung dürfte sich der bisherige Trend einer Outperformance erstklassiger Wachstumswerte[vii] nun umkehren.[viii] Denn ein Jahr wie 2019, in dem der Schweizer SMI zu den Indizes mit der besten Performance zählte, erweckt kaum den Anschein von ungezügeltem Optimismus.

 

Quelle: Bloomberg-Daten; Performance der MSCI-Faktorindizes für die Aktien des MSCI World Developed Market Index vom 24. Dezember 2018 bis Mitte September 2019

 

Insbesondere angesichts der überzogenen Bewertungen von Qualitätsaktien.


Quelle: Bloomberg-Daten; zukunftsgerichtetes KGV für den MSCI World Quality Index und den MSCI World Index, 2013 – 2019

 

Bei Anlegern am US-Anleihenmarkt dürften Inflationsängste einige Panikattacken auslösen, doch Wachstumshemmnisse und Volatilitätsschübe am Aktienmarkt werden ihnen dabei helfen, diese Sorgen zu überwinden.

Zur Jahrtausendwende erwarten wir in den nächsten zehn Jahren deutlich bessere Erträge bei Risikoanlagen, und dies nicht nur aufgrund der längerfristigen Entwicklung und der Marktbedingungen.

Wir stehen vor wichtigen technologischen Fortschritten, vor allem im Transportwesen, wie sie seit mehr als 100 Jahren nicht verzeichnet wurden. Das autonome Fahren wird die Produktivität erhöhen, die Zahl der Verkehrstoten senken und dazu beitragen, dass wir unseren Horizont erweitern und uns besser verstehen.

Die Urban Air Mobility – der Einsatz schneller, effizienter (und irgendwann auch autonomer) Fluggeräte im städtischen Nahverkehr – wird ebenfalls zu Produktivitätsgewinnen führen und die Zahl der Staus auf unseren überlasteten Strassen verringern. Gleichzeitig wird sie die bauliche Regeneration unserer Innenstädte fördern – denken Sie nur an den Film Das fünfte Element.

Die Hyperloop-Technik wird uns erlauben, umweltschonend zu reisen, und dies in einem Bruchteil der bisherigen Zeit.

Neue Technologien für Flugzeugtriebwerke (die sich bereits in der Entwicklung befinden) werden Transatlantikflüge auf nur eine Stunde verkürzen.

Der Rohstoffabbau auf anderen Planeten (die wir irgendwann auch besiedeln werden), wird den Druck auf unsere begrenzten Ressourcen vermindern.

Wir können uns ehrlich gesagt nicht an eine Zeit erinnern, in der uns die Zukunftsperspektiven mehr begeistert haben.

 

Peter Ahluwalia, Partner
Chief Investment Office
peter.ahluwalia@swisspartners.com

 

[i] https://www.britannica.com/topic/Smoot-Hawley-Tariff-Act
[ii] J.P. Morgan Asset Management, Portfolio Insights, Why we’re in the early innings of the secular bull market, G. Devulapally, August 2019.
[iii] Siehe oben (i)
[iv] Siehe oben (i)
[v] Bloomberg, Recession Gets Priced Out in a Stock Rally for the Record Books, S. Ponczek und V. Hajric, 28. Dezember 2019
[vi] Bloomberg, The Three-Year Crisis Cycle and a Case for a Reborn Bull Market, L. Wang, 13. Dezember 2019
[vii] MSCI World Quality Net Total Return USD Index FIGI BBG003Q182S9: Ziel des Index ist es, die Performance erstklassiger Wachstumsaktien nachzubilden; zu diesem Zweck werden Aktien identifiziert, die anhand von drei fundamentalen Kennzahlen eine hohe Qualität aufweisen, d.h. eine hohe Eigenkapitalrendite (ROE), ein im Jahresvergleich stabiles Gewinnwachstum und einen geringen Verschuldungsgrad.
[viii] Bloomberg, Quality Street is Becoming a Very Crowded Place, J. Authers, 6. September 2019